Christiane Fichtner

Archivtexte Archivtext April 2006
      ¬ Christiane Fichtner, Bremen
     
¬ Biografie
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Erster Teil der Arbeit (realisiert in 2005)

Seit 2004 beauftrage ich Personen, einen Lebenslauf für Christiane Fichtner zu schreiben. Zwei Eckdaten sind den Autoren dabei vorgegeben: Das Geburtsdatum vom 25.05.1974 und der Beruf der Künstlerin zum heutigen Datum.

Die Biografien werden an Kostümbildner bzw. Modedesigner weitergereicht, die zu jeweils einer Biografie Kleidung entwerfen. In diesen Kostümen werde ich von verschiedenen Fotografen fotografiert. Die Fotografen wählen Ort und Art der Fotografie selbst.

Aus diesem Projekt werden neun Fotos, jeweils 2m x 1m (Großdruck auf Aluminiumtafeln) gezeigt. Diese präsentiere ich in verschiedenen Ausstellungen. Neben jedem Foto hängt ein Lebenslauf in Textform über das Leben von Christiane Fichtner. Jedes Foto zeigt Christiane Fichtner passend zum entsprechenden Lebenslauf als eine andere Persönlichkeit.

 

Die Kombination von Text und Bild

In ihrer ganzen Mächtigkeit bewahrt die Sprache ihre repräsentative Funktion. Sie benennt. Die Benennungen können verbergend, aneinander gerückt, bedeckt und aufrecht erhaltend sein. Sie gestalten die Analyse der Repräsentation.

Den Anfang in einem Kunstwerk zu finden, heißt den Moment wiederzugeben, an dem die Benennung stattfindet. Die Sprache weist zum Gegenstand, den sie benennt und der Betrachter hat zu unterscheiden, was bezeichnet ist und was er selbst als Benennung zu klären hat.

Jede Biografie ist eine Idee eines vorgestellten Lebens.

 

Ausgangspunkt

Wenn ich über mich selbst spreche, gerate ich leicht in Verwirrung. Immer wieder stolpere ich über das Paradoxon der uralten Frage: Wer bin ich? Natürlich gibt es keinen anderen Menschen auf der Welt, der über so viele Informationen über mich verfügt, wie ich, der mehr über mich erzählen könnte, als ich selbst.

Aber wenn ich von mir erzähle, kommt es unweigerlich dazu, dass ich als Erzählerin durch verschiedene Faktoren – meine emotionalen Eigenarten und meine Perspektive als Beobachterin – mein erzähltes Ich beeinflusse und beschneide. In welchem Maß entspricht mein von mir erzähltes Ich überhaupt noch den objektiven Fakten? Diese Frage hat mich schon immer sehr beschäftigt.

Das Nachdenken über die Frage "Wer bin ich?" führt in der konzeptuellen Arbeit "Biografie" zur Bespiegelung der Dialogbeziehung. "Wer bin ich in den Augen der Anderen?" oder "Zu wem werde ich durch die Interpretation eines Anderen?"

Dieses Konzept berührt auch die These des frz. Psychoanalytikers Jacques Lacan, die beinhaltet, dass sich das Subjekt nur von außen durch den Blick des Anderen konstituiert.

 

Zweiter Teil der Arbeit 2006 in Wien und New York

Die erste Staffel der Arbeit "Biografie" ist in Zusammenarbeit mit Personen realisiert worden, die mich kennen. In der zweiten Serie "Biografie" werde ich mit Personen zusammen arbeiten, die mich nicht kennen. Die Personen werden einen vergleichbaren Auftrag erhalten wie in der ersten Staffel, mit dem Unterschied, dass diesen Auftragnehmern meine Person unbekannt ist. Informationen über mich können sie lediglich einem kurzen persönlichen Eindruck im Gespräch sowie der ersten Staffel der Arbeit "Biografie" auf der Internetseite www.christiane-fichtner.de entnehmen.

Momentan entstehen diese Zusammenarbeiten in Wien, sodass in Kürze drei Text-Bild-Kombinationen zu sehen sein werden. Gespräche mit New Yorker Autoren sind aufgenommen und eine Arbeitsserie für drei weitere Text-Bild-Kombinationen sind für den Sommer 2006 in New York geplant

Der Forschungsgegenstand von Porträt und Selbstporträt, die Frage nach Projektion, Klischee und Interpretation wird sich mit dieser neuen Ausgangssituation verändern. Der Anteil an Fiktion bei den Schaffenden wird voraussichtlich größer sein müssen. Wird dieser Umstand im Ergebnis erkennbar sein? Lassen sich einem Menschen bei genügend professioneller Vorgehensweise beliebig viele Biografien andichten?

Wie wird sich die Zusammenarbeit verändern? Wie wird sich der Blick des Autoren auf die zu erfindende Künstlerin Christiane Fichtner richten? Wie interpretiert der Kostümbildner die Figur Christiane Fichtner, über welche er nur Bescheid weiß durch den Lebenslauf?

Die jetzt vorhandenen neun Fotogroßdrucke mit Lebenslauf werden zusammen mit den noch zu erstellenden Fotogroßdrucke mit dazugehörigen Lebensläufen in der zweiten Jahreshälfte 2006 präsentiert.

 

Dritter Teil der Arbeit 2006/2007 in Korea und Indien

Ich plane, die Arbeit in einer dritten Staffel im Jahre 2007 mithilfe eines Stipendiums in Asien fortzuführen.

In dieser dritten Serie "Biografie" werde ich mit Personen zusammen arbeiten, die mich nicht kennen und die unterschiedlich sozialisiert sind. In Bezug auf ein koreanisches oder indisches Stipendium stellt sich die Frage, wie sich die asiatische Mentalität auf die Arbeit auswirken wird.

Mich interessiert, wie sich die abendländische Denkweise "Erkenne Dich selbst" in Konfrontation mit der z.B. indischen Sichtweise eines metaphysischen und nicht biografischen Selbst – losgelöst von Zeit und Raum und daher ohne die lebensgeschichtliche Dimension – auswirkt.


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