Christiane Fichtner

Archivtexte Archivtext Januar 2006
      ¬ Anna Sophie Howoldt, Berlin
      ¬ Überzeichnung einer Identität

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Die Biografien der Künstlerin Christiane Fichtner blättern sich vor dem Betrachter auf wie ein Register der verschiedenen Möglichkeiten ihres Lebensweges. Die Bedeutung der griechischen Wörter bios Leben und gráphein schreiben, beschreiben, einschreiben und zeichnen sind in dem Wort Biografie enthalten. Das Leben in eine schriftliche Form bringen, chronologische Dokumentation des Erlebten, Erreichten, der Erfahrungen ist gemeint. Durch die Lektüre einer Biografie wird in der Vorstellung ein "Bild" von einer Person erweckt und geprägt. Die Ausstellung gibt den Blick frei auf neun Entwürfe einer Vita in Schrift und Bild. Text und lebensgroße Porträtaufnahme nebeneinander ergänzen sich in ihrer Aussage. Tabellarisch oder in Form kurzer biografischer Erzählungen sind die Biografien verfasst. Sie beginnen alle an einem anderen Ort – geboren in Tübingen, Reykjavik, Essen, Milford Haven, in einem kleinen namenlosen Dorf, in Paderborn – und stellen verschiedene Leben der Künstlerin dar.

Neben der Tatsache, dass Christiane Fichtner zum heutigen Datum Künstlerin ist, erweist sich im Vergleich nur das Geburtsdatum als verlässliche Konstante. Es sind die einzigen verbindlichen Angaben und einzuhaltenden Vorgaben, welche die Autoren von der Künstlerin erhalten. Denn nicht die Künstlerin selbst erfindet sich die Lebensentwürfe, spielt mit den Möglichkeiten und Maskeraden einer neu erdachten Vergangenheit, sondern sie lädt andere Personen ein, eine Biografie für sie zu schreiben, neu zu erfinden. Kostümbildner und Modedesigner verleihen den Biografien eine äußere Kontur und entwerfen eine entsprechende Kleidung.

Abschließend wird Christiane Fichtner in Kostüm und Rolle ihrer fiktiven Identität von verschiedenen Fotografen porträtiert, die nach ihrer Interpretation die Person inszenieren. Die Künstlerin wird zur Darstellerin der für sie konzipierten Identität. Die eigene Rolle tauscht sie ein gegen eine neue Rolle von sich selbst. In einem Kostüm aus bildlichen und schriftlichen Elementen tritt die Künstlerin in neun verschiedenen Identitäten vor das Auge des Betrachters. Nimmt eine Pose ein, die der erdachten entspricht. Sie imitiert die erfundene Identität und verwendet sie wie ihre wirkliche. Die alte Biografie überdeckend wird jede neue Biografie, die für sie geschrieben wird, scheinbar zu ihrer "eigenen". Die Identitätsinszenierungen werden zum Spannungsfeld der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wie wird eine Künstlerin beschrieben, wahrgenommen, vorgestellt?

Seit Giorgio Vasari (1568 "Das Leben der Maler, Bildhauer und Architekten") werden Künstlerviten geschrieben und sind von Interesse bei der Betrachtung von Werken. Wer ist die Künstlerin? Wann ist sie geboren? Wo hat sie gelebt und gelernt? Fragen nach Person und Biografie der Künstlerin scheinen notwendige Spuren zu enthalten für ein rationales Erschließen ihrer Arbeit. In diesem Sinne spielt die Arbeit mit der Erwartungshaltung des Kunstbetrachters, der Werk und Biografie des Künstlers zusammen denken will. Wie verschieden das Bild ist, das entsteht, wenn sich aus den wenigen Informationen über die Künstlerin ein Bild materialisiert, zeigt die Porträtserie. Zweifel an der Aussagefähigkeit biografischer Eckdaten wird deutlich. Nicht "wirkliche" Identitäten, sondern Vorstellungsbilder entstehen. Diesen gilt das Interesse der Künstlerin.

Die Arbeit ist eine Suche nach dem Schatten der latenten Vorstellungsbilder. Sind die Biografen von der Vorstellung des Künstlermythos beeinflusst? Wiederholt finden sich Motive wie Reisen, Wechsel und Bewegung, kein einfacher, gradliniger Weg der gezeichnet wird. Die Lebensläufe erscheinen durch Brüche, Freiheitsdrang, unkonventionelle Entscheidungen, kontrastierendes Verhalten geprägt. Die Studienreisen gehören zu dem klassischen Ausbildungskanon. Traditionsbruch – Rausch – Unkonventionalität – die Position eines Außenseiters gehört zu einem, seit der Moderne in Verbindung mit Künstlertum gedachten Existenzmuster.

Reihung und Wiederholung der Porträts fordern auf zu vergleichendem Sehen. Auf den Fotografien eine Person – immer als andere. Durch Kostüm, Styling, ihre Pose, Mimik und Gestik verwandelt sich die Künstlerin vor der Kamera in ein anderes Selbst. Einzelne Kleidungstücke verraten ihre Herkunft, sind modisch einer Dekade des späten 20. Jahrhunderts zuzuordnen oder Modellstücke. Das Kostümbild zeigt allgemein eine Richtung betont unkonventioneller und individueller Bekleidung. In vielen modischen Attributen kommt ein starker eigener Stil zum Ausdruck.

Das Porträt, vor einem Studiohintergrund mit Afrika-Motiv aufgenommen, stellt eine Christiane Fichtner dar als jetzt in London lebende und nebenbei als Mode- und Porträtfotografin arbeitende Künstlerin. Das schwarzgrundige Kostüm, welches sie trägt, ist hochgeschlossen, gerade, körpernah geschnitten mit vertikalem Streifenmuster, eine Betonung der aufrechten, disziplinierten Haltung. Kontrastiert wird die klare Strenge durch die opulent gestylte Frisur in der Spuren einer Flechtung zu entdecken sind. Ein Verweis auf die Faszination der dargestellten Künstlerin für die Flechtfrisuren der Kenianerinnen. Das rötliche Haar, die bauschige Knotung des Halstuchs erinnern an einen Stil der britischen Designerin Vivienne Westwood. Das Kostüm spiegelt Strenge, Willenstärke ebenso wie Extravaganz und Sensibilität der Persönlichkeit wider.

Ein anderes Porträt zeigt eine ganz andere Christiane Fichtner, die, nicht vor einem künstlichen Bild der Natur, sondern in einem Baumwipfel sitzend, sich vorstellt. Die einzelnen Elemente des Kostüms symbolisieren persönliche Erinnerungen. Eine Hose, wie sie in einem indischen Ashram getragen wird, spielt auf ihre Reise nach Indien an. Fahrradschuhe und Reflektorenbänder verweisen auf eine geplante Tour. Zu der sportlich weichen Bekleidung trägt sie auffällig rote Ohrringe und einen damenhaften Hut, Accessoires, die ihre eigene Geschichte und Erinnerung mit sich tragen und von besonderer persönlicher Bedeutung für die Trägerin sind. Wie "getragene Erinnerungen" sind in den Kleidungsstücken Hinweise auf die Vergangenheit enthalten.

Für das Konzept ist es wichtig, dass der Entstehungsprozess aufgespaltet ist und sich Perspektiven und Interpretationen verschiedener Personen vermischen und überlagern zu einem facettenreichen Spektrum imaginärer Identitäten der Künstlerin Christiane Fichtner. Die Einbeziehung der Autoren, Kostümgestalter und Fotografen ist erlaubte Einflussnahme auf die Arbeit der Künstlerin. Wahrnehmung, Perspektive, Gestaltung der Mitwirkenden wird durch die Regie der Künstlerin zu einem Werkzeug, mit dem sie das Material - ihre Identität - bearbeitet. Der auslösende Moment liegt bei der Künstlerin; dass sich die weitere Entwicklung ihrer Kontrolle entzieht, ist kalkuliert. In der Funktion einer Regisseurin und zugleich Hauptdarstellerin ist die Künstlerin Produzentin, Akteurin und Teil des Produkts in einem.

Was zunächst als Paradox erscheint, ist die Spiegelung der gesellschaftlichen Interaktionen, die unser Bild und das Bild, das wir selbst von uns haben, definieren. Eigenwahrnehmung erfolgt über das Reflektieren der Fremdwahrnehmung. Das Antizipieren der Perspektive der Interaktionspartner und das Sich-danach-Ausrichten wirkt formend, formierend, aber auch deformierend auf eine Person. Ob sich Spuren des wirklichen Lebens der Künstlerin mit dem Leben der fiktiven Doppelgänger-Existenz verflechten, bleibt für den Betrachter ein Rätsel. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion ist nicht mehr zu bestimmen. Denn das Bild welches von der Person Christiane Fichtner entworfen wird, bleibt so realitätsnah, dass eine Verwechslung mit der Wirklichkeit möglich ist. Erfunden und doch gegenwärtig wird und bleibt unklar, wer sie ist, welches Bild der Künstlerin "entspricht".

Diese zentrale Frage einkreisend wird das Spiel mit der Möglichkeit, mehrere Identitäten anzunehmen zur künstlerischen Strategie. Die Identitäten sind erfunden, Biografisches wird fiktiv, dieser Widerspruch gehört zu der Taktik der Künstlerin. Die vermeintlichen Selbstinszenierungen sind Rollenporträts – die eigene Rolle eine Fiktion. Im Porträt mit sich selbst identisch zu sein, immer wieder ist es eine gelungene Täuschung. Den Daten und Fakten sowie den fotografischen Abbildungen ist ein vermeintlicher Wahrheitscharakter immanent. Eine Person wird durch Bild und Dokument verifiziert, sie erhält eine "Ausweis-Identität". Die Biografie, begleitet durch die Visualisierung der Person im Porträtfoto, erscheint als Tatsache, weiß man nicht um das Mimikry-Spiel. Abbild und Beschreibung nach dem Leben sind durch Manipulation und Wiederholung nicht mehr einzigartig, womit auch der Anspruch auf Authentizität verblasst. Die Gewissheit der "einen" Biografie wird in Frage gestellt. Biografie erscheint hier als nicht statisch, nicht festgelegt, beinahe beliebig, sie ist immer eine Interpretation abhängig von der Perspektive. Nicht eine Wahrheit ist bestimmt – viele sind erlaubt; von der einen wahren und richtigen Variante wird Abstand genommen. Die Inszenierung und Vervielfachung der Identität steht für eine Haltung, die die Annahme über die unteilbare Einheit des Ich aufhebt (vgl. Matthias Mühling: Selbst, Inszeniert. Hamburg 2004, S. 9).

Konsequent ist die Künstlerin als Trägerin "ihrer" Biografie indem sie sich die Lebensläufe tatsächlich aneignet. Mit ihrer äußeren Identität vollzieht Christiane Fichtner zeitweise eine Verwandlung in eine andere Christiane Fichtner. Die fiktiven Doppelgängerinnen mischen sich ein in ihr öffentliches Bild ihrer wirklichen Existenz. Mit einer anderen Identität experimentiert sie in der Realität, interessiert an den Reaktionen und Konsequenzen. Durch die Fälschung wird stets an das Original erinnert, die Wahrnehmung sensibilisiert. Durch die Täuschung wird die Aufmerksamkeit stimuliert, Rollenspiel und Selbstinszenierung gehören zum Muster künstlerischer Selbstdarstellung. Ein Vergleich mit anderen fotografischen Arbeiten bietet sich an. An die Porträtserien der amerikanischen Künstlerin Cindy Sherman ist man erinnert oder Sophie Calle, die sich selbst beschatten lässt. Cindy Sherman ist bekannt für ihre Selbstporträts, in denen sie ein meist prominentes Bild einer Person nachstellt, als Paradigma für den alltäglichen Rollenwechsel. Alle Künstlerinnen befassen sich im Kern der Arbeit, in den Verwandlungen und Beobachtungsstudien, mit der Suche und Frage nach Bild und Beschreibung "der Künstlerin" – sich selbst als Künstlerin. Im Ansatz und formal-ästhetisch ist den Arbeiten etwas gemein, jedoch Grundlegendes auch verschieden. Cindy Shermans Porträts sind immer in einer Kunstwelt angesiedelt, Adaptionen von "Vor-Bildern".

Christiane Fichtner findet einen eigenen Stil, der wie ein Abtasten der Feinschwingungen des Grenzbereichs zwischen Realität und Fiktion erscheint. Die Porträts bieten Parallelen, die Bilder der eigenen Identität exemplarisch reflektierend. Als fiktive Rollenbilder sind die Biografien auch eine versteckte Form der Selbstdarstellung. Indem von der Künstlerin Fremdwahrnehmung zur Selbstdarstellung eingesetzt wird, ist in der Arbeit eine Form der fiktiven Selbstdarstellung, des Selbstporträts enthalten, welche die Selbstwahrnehmung über die Perspektive des anderen reflektiert. Sie wird selbst zur Fläche für eine Vorstellung von ihrem fiktiven Porträt. In den Biografien vermischen sich Facetten der Projektion, Phantasie, des Rollenbildes, des Selbst und des Anderen. Eine Gattung lässt sich für die imaginären Personenbilder nicht eindeutig festlegen, Performance, Rollenporträt und Selbstporträt, Porträt und Konzeptkunst sind zu einer komplexen Collage verwoben.

Die Arbeit hat den Charakter einer ästhetischen Studie über mögliche Formen und Variationen der Biographie der Künstlerin Christiane Fichtner, geboren 1974. Ausgestellt wird die erste Serie der Biografien. Seit 2004 wurden die neun hier präsentierten Arbeiten umgesetzt. Eine zehnte befindet sich im Prozess der Entstehung und weitere sind in Planung, denn das Projekt ist zur Fortführung angelegt. Die Viten und Identitäten vermehren sich – eine Sammlung der verschiedenen Lebensentwürfe der Künstlerin Christiane Fichtner entsteht. Eine Sammlung wird zu einem Archiv. Eine Arbeitsweise, die sich als verbindende Strategie in den verschiedenen Arbeiten von Christiane Fichtner zeigt. Nicht die eine, singuläre und definierte Ansicht, sondern die Vielheit der Perspektiven, die gestellten Fragen und die unterschiedlichen Facetten einer Sache machen ihre künstlerische Arbeit aus. Die Beschäftigung mit der Arbeit "Biografie" eröffnet eine Vielzahl von Bezügen und Ebenen. Fragen können unbeantwortet bleiben und verweisen, indem sie gestellt werden, manchmal schon auf eine Antwort. Fragen als Strategie einer Annäherung. Auf die Frage nach der Identität ist in der vorgeschlagenen Vielseitigkeit und Verwandlungsmöglichkeit bereits eine Antwort enthalten.


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