Christiane Fichtner

Archivtexte Archivtext Juli 2005
      ¬ Kathrin Lahl, Chemnitz
      ¬ Arbeitshaltung Christiane Fichtner
      ¬ deutsch ::: english not available

 

"Ich glaube, die einzige Reise, die uns bleibt, ist die des Denkens"
(Christiane Fichtner, Heftarchiv, 16.11.2004)


Begegnen wir Christiane Fichtners Werken, fällt uns zunächst ihre Beschäftigung mit imaginären Reisewelten auf. Ihre Reisen richten sich nur scheinbar auf die äußeren Lebenswelten. Bei näherer Betrachtung werden wir gewahr, dass diese Reisen in anders verstandene Lebenswelten führen. Es sind Reisen zu sich selbst. Dieses Grundanliegen spiegelt sich wieder in den drei Werkkomplexen:

¬ Notizen einer langsamen Bewegung, der Bild-Text-Dokumentation einer 1.500 Kilometer langen und 15 Stundenkilometern "langsamen" Traktor-Reise von Bremen in das südfranzösische Galan

¬ im Heftarchiv, einer seit 1999 zusammengetragenen Sammlung von Fotos, Zeichnungen und Niederschriften

¬ sowie in der neuesten Arbeit, dem Vitaprojekt, bei dem neun erfundene Biographien das Ideengerüst für wiederum neun auf die Künstlerin maßgeschneiderte Kostüme sind, die schließlich fotographisch festgehalten werden und der Künstlerin so eine veränderte Identität verleihen

Jede der drei Werkgruppen weist ihre ganz spezifische Typik auf – summarisch könnte man formulieren: die Notizen einer langsamen Bewegung befassen sich mit der Möglichkeit einer fast soziologisch motivierten teilnehmenden Beobachtung, das Heftarchiv intendiert das Festhalten von Lebensmomenten und Reflexionen in bildlicher und textlicher Form und das Vitaprojekt führt imaginäre Identitäten vor Augen.

Trotz dieser jeweiligen Typik ist allen drei Werkgruppen eine einheitliche Gestalt gebende Struktur eigen: Primärer Ausgangspunkt der Arbeiten von Christiane Fichtner ist das Sammeln und anschließende Archivieren der "Fundstücke". Kennzeichnend scheint hierbei ein langsames Annähern an den Beschreibungsgegenstand. Nicht zuletzt drücken ihre zeichnerischen Arbeiten aus dem Heftarchiv genau diese Haltung aus: dichte Schraffuren umkreisen einen freien Raum. Die Linien scheinen eine Idee vorsichtig anzudeuten und gleich einer Skizze in ihrer veränderlichen Vorläufigkeit zu belassen.

Dabei wird das zufällig Gefundene zur Form. Innerhalb dieses Werkprozesses geht notwendig eine intuitive Auswahl voran. Jedoch ist diese Auswahl nicht festgelegt. Die Auswahl kann, wie im Heftarchiv, ausgetauscht werden.

Die serielle Reihung aller Arbeiten ist zwar mit Anfangs- und Endpunkten versehen, jedoch in ihrer organischen Struktur beständig fortsetzbar. Der Betrachter oder besser Beobachter kann nicht nur in einem Momentwerk innehalten, vielmehr ist es ihm möglich, gedanklich wie tatsächlich an einer Fortsetzung teilzuhaben – seien es die Reisestationen nach Galan, die einzelnen in Klarsichthüllen versammelten Hefte des Heftarchives oder die imaginären Identitäten des Vitaprojektes. Zukunftsgerichtetheit spielt eine markante Rolle, Christiane Fichtner dazu: "Es [das Denken] ist das in die Zukunft projizierte Gedächtnis, die Idee einer Zukunftsperspektive […]" (Christiane Fichtner, Heftarchiv, 28.10.2004).

Der Interaktion von Bild und Text wird in Christiane Fichtners Werken ein hoher Stellenwert zuteil: so sind in den Notizen einer langsamen Bewegung Galan-Reisetexte den Traktorbildern beigeben, die Heftarchiv-Zeichnungen korrelieren mit den Texten in ihrem Umgebungsbereich und die erdachten Biographien aus dem Vitaprojekt "produzieren" die imaginären multiplen Personenfotos der Künstlerin.

Ein Zielpunkt der Arbeiten von Christiane Fichtner ist die Irritation von Wahrnehmung. Jedoch anders als zum Beispiel die Op Art, die diese Irritation durch Farb-Form-Neuordnungen erreicht, welche die augenscheinliche zweidimensionale Bildwirklichkeit aufheben, arbeitet Christiane Fichtner mit geringster Materialhaftigkeit. Hier trifft man auf ein Phänomen: Material spielt nur "auf dem Weg" der Werk-Entstehung eine Rolle. Im Ergebnis scheint dies auf ein Minimum reduziert oder gar aufgehoben. Dem Beobachter ist es möglich geworden, durch das Material der Kunst hindurch Inhalte zu erfassen.

 


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