Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 013


Biografie 013

Text:
Sabine Stiepani
Kostüm:
Tamsin Meckel
Maske:
Katja Förster
Foto:
Inga Seevers


Biografie 013


Biografie Christiane Fichtner

1974 Geboren am 25. Mai als Christiane Katharina Meikert, Tochter von F. und L. Meikert in Frankfurt am Main. Nach kurzer Zeit zog die Familie von Frankfurt nach Friedrichshafen am Bodensee. In den ersten zwei Lebensjahren passierte für C. nicht viel.

1977 C. hörte im November ein Weinen, es glich einem verzweifelten Schreien. C. saß zu dieser Zeit in ihrem Zimmer. Sie ging zur Wohnungstür und dann in den Hof. C. und ihre Eltern hatten eine kleine Wohnung neben einem Bauernhof am Randgebiet von Friedrichshafen. C. hörte das Schreien immer deutlicher. Es kam aus der Scheune. Sie ging hin und sah, wie der Bauer in der Scheune kleine Katzen ertränkte. Am Abend erklärten ihre Eltern, dass diese Katzen zu viele sind, dass man nicht alle behalten könne. Außerdem seien die kleinen zu schwach, um den kalten Winter zu überleben. C. war nicht zufrieden. Das Weinen war so jammervoll, und sie konnte nicht verstehen, dass man die kleinen Katzen nicht in die warme Wohnung holen konnte oder sie ins Tierheim brachte.

1981 C. bekam zu ihrem 7. Geburtstag eine Katze geschenkt. Die Eltern meinten, sie würde sich gut um das kleine Tier kümmern und Verantwortung übernehmen. Sie fütterte die Katze und machte das Katzenklo sauber, aber sie spielte nicht viel mit ihr und streichelte sie selten und gab ihr keinen Namen. C. konnte die kleinen Katzen nicht vergessen und hatte das Gefühl, wenn sie diese zu sehr mochte, nicht gerecht zu den kleinen toten Katzen zu sein.

1985 C. ging ins Gymnasium. Sie mochte die Schule und hatte viele Freunde, die sie teilweise seit dem Kindergarten kannte. Mit ihren Freunden und besonders ihrer Freundin E. hatte sie die ersten "Beastie Boys"- und "The Cure"-Platten gehört, die ganze Clique hatte sich zusammen die Haare gefärbt - immer ein paar Strähnen in der gleichen Farbe; blau, rot oder grün. Gemeinsam demonstrierten sie gegen den geplanten McDonald´s in der Stadt und gegen Nazis. C. verliebte sich in einen Skateboarder. Ihre Eltern waren nicht begeistert. Sie machten ihre Freunde mit dafür verantwortlich, dass Cs. Noten schlechter wurden.

1989 C. traf eine bewusste Entscheidung. Drogen oder Pfadfinder. Ihre Freunde kifften nicht mehr nur, sondern nahmen Pillen und mehr. C. war sich nicht sicher, was sie machen sollte. Es waren ihre besten Freunde, aber sie wollte nicht mitmachen. Sie wollte sich entscheiden: Drogen oder wandern und Jurten bauen?
Sie entschied sich fürs Wandern und Jurten Bauen und fühlte sich oft allein anfangs. Die Pfadis waren nicht cool. Ihre Freunde fehlten ihr, und Jurten Bauen war nicht immer sehr aufregend.

1991 C. flog nach einem Jahr USA-Aufenthalt im Januar am Tag der Deadline von Bush senior nach Deutschland zurück. In den USA hatte sie an im Irak stationierte Soldaten Briefe geschrieben und von einem dessen Schul-Ring zugeschickt bekommen. Nach Beginn des Golfkrieges bekam sie Post von den Eltern des Soldaten. Er wurde bei einer Übung versehentlich erschossen. C. erinnerte sich an die kleinen Katzen.
Die Eltern des Soldaten schickten ihr die Kopie eines Briefes, in dem der Soldat von C. erzählt hatte. Seitdem fühlte sie sich aus ihrem Dilemma, das sie, seit sie drei Jahre alt war, mit sich herumtrug, befreit. Der Soldat hatte über Recht und Unrecht, über Starksein geschrieben, über seinen Job, Menschen umbringen zu müssen, weil sie Gegner und schwächer waren in einer bestimmten Situation und über sie, C., als eine Person, die ihn in ihren Briefen, die das Soldatensein immer verurteilten, bestärkt hatten, hinter diesem Krieg, hinter seiner Rolle zu stehen.
C. fühlte sich zum ersten Mal in ihrem Leben seit dem Tod der kleinen Katzen ruhig. Sie trug den Schul-Ring von nun an täglich und nannte sich C. Fichtner. So hatte der Soldat geheißen. Sie war ihm als Briefpartnerin zugeteilt worden, da seine Vorfahren aus Deutschland in die USA eingewandert waren.
Nach dem USA-Aufenthalt und dem Brief der Eltern des Soldaten entwickelte C. großes politisches Interesse. Sie informierte sich umfassend über Vietnam, die RAF, den Zweiten Weltkrieg und las viel über Kriegsrecht, Terrorismus, Ethik und Menschenrechte.

1994 C. bewarb sich nach dem Abitur für ein Jura-Studium, weil sie glaubte, als Anwältin am meisten erreichen zu können. Ihr Studium begann sie in Hamburg. Nach einigen Semestern brach C. das Studium ab, da sie das Gefühl hatte, keiner – weder Professoren noch Studenten – hatte Ideale, alle wollten nur reich werden oder hatten schon resigniert. Sie legte sich mit mehreren Dozenten so an, dass die sie baten, andere Seminare zu belegen.

1997-2001 C. zog nach Köln und jobbte vor sich hin, ließ sich treiben und war kurz davor, selbst zu resignieren. Dann kam der 11. September und C. entschied sich, Kunst zu studieren. Die brennenden Türme des WTC hatten ihre Augen geöffnet. Sie wollte immer noch für die Schwachen eintreten, sie wollte immer noch Gerechtigkeit. Aber sie erkannte, dass nicht Recht und Politik das erreichen würden. Vermutlich wurde die Welt nie gerecht. Aber mit Kunst konnte sie all das ausdrücken, wurde nicht aus Seminaren vertrieben, sondern war frei, das zu sagen, was sie dachte, konnte auf alles hinweisen – und wenn sie es schlau anstellte, würde sie sogar reich dabei.

2002 C. begann ihr Medienkunst-Studium an der HGB in Leipzig. Sie machte ausschließlich politisch motivierte Kunst. Terror, Kriegskapitalismus und Menschenrechte waren ihre Themen.

2006 C. sieht das Ende ihres Studiums in greifbarer Nähe und arbeitet mit einigem Erfolg als Künstlerin. Die Einreise in die USA zur Eröffnung einer Gruppenausstellung, an der sie teilnimmt, wurde ihr verweigert.


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