Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 014

Biografie 014

Text: Tine Kindermann
Propmaker: Etienne Spengler
Foto: Marcel Weisheit

 






Biografie 014


Biografie Christiane Fichtner

1974 Christiane Fichtner wird in Hamburg geboren. Ihr Vater Paul Fichtner ist Rechtsanwalt, die Mutter Ursula hat nach der Geburt der ersten Tochter Sabine (geb. 1971) ihren Beruf als Zahnhygienikerin aufgegeben.


1980 Ursula Fichtner erlebt eine späte und unerwartete Schwangerschaft mit einem Sohn, die mit einer Fehlgeburt endet. Für Ursula Fichtner beginnt ein langer Kampf mit der Depression. Sabine und Christiane entwickeln eine Beziehung, die durch Abhängigkeit, Solidarität und später auch durch Konkurrenz geprägt ist. Sie müssen früh erwachsen werden. Der Vater arbeitet bis in den Abend hinein. Christiane entdeckt das Zeichnen. Es leistet ihr Gesellschaft.


1993 Christiane macht ihr Abitur, aber statt an einer Hochschule zu studieren, entscheidet sie sich, eine Buchhändlerlehre zu beginnen. Der Vater hält seine Enttäuschung nicht zurück. Sabine hat sich für ein Jurastudium entschieden, während Christiane offenkundig rebelliert, indem sie sich einen "niederen" Beruf ausgesucht hat.


1995 Christiane beginnt ein Praktikum in einem progressiven Buchladen im Zentrum von Hamburg. Ihr künstlerisches Talent erweist sich als nützlich bei der Dekoration der Schaufenster. Sie gewinnt ihren ersten Wettbewerb für Schaufensterdekoration mit einer Präsentation, die von Kunst und Künstlern aus Lateinamerika inspiriert ist. Sie lebt in einer Wohngemeinschaft.


1996 Christiane arbeitet Vollzeit in dem Buchladen. Sie nimmt weiterhin an Wettbewerben für Schaufensterdekoration teil. Sie gewinnt einen zweiten Wettbewerb. Der Preis ist eine zweiwöchige Reise in die USA, die in New York beginnt. New York In dem Russischen Bad im New Yorker East Village trifft Christiane die etwas ältere Performancekünstlerin Rachel Sussman. Rachel stammt ursprünglich aus einer religiösen jüdischen Familie, hat aber die chassidische Gemeinschaft verlassen. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit Tabus, Schmerz und dem Versuch, die physischen Grenzen des Körpers auszudehnen. Sie verdient ihren Lebensunterhalt als Domina. Sofort ergibt sich eine Verbindung, die auf gegenseitiger Faszination beruht. Die zwei Frauen sprechen über die Möglichkeiten einer künstlerischen Zusammenarbeit. Daraus entwickelt sich ein Projekt, das sich zum Teil mit den deutsch-jüdischen Beziehungen auseinandersetzt. Sie bleiben in Verbindung, nachdem Christiane nach Hamburg zurückmuss. Sechs Monate später entscheidet sich Christiane, nach New York zurückzukehren. Sie kündigt ihre Arbeit und stellt ihre Habe in einem Lagerraum unter. In New York zieht sie mit Rachel zusammen. Sie haben sich ineinander verliebt. Sie arbeiten weiter an ihrem Projekt, das sie vorläufig "Fuck you (aber gerne)" betiteln.


1997 Christiane heiratet den schwulen AIDS-Aktivisten Gary Wayout in einer öffentlichen Performance im Performancezentrum PS 122. Statt Ringe zu tauschen, piercen sich Braut und Bräutigam gegenseitig. Diese Performance erregt Aufmerksamkeit, nicht zuletzt weil Gary HIV positiv ist und deshalb der Kontakt mit seinem infizierten Blut ein Risiko darstellt. Sechs Monate später wird Christianes Vater krank. Sie hat ihre Green Card noch nicht erhalten und kann deshalb die USA nicht verlassen, um ihn zu besuchen. Um gegen die, in ihren Augen, unmenschliche Behandlung zu protestieren, führt sie gemeinsam mit Rachel vor dem Gebäude der Einwanderungsbehörde in Lower Manhattan eine Performance auf, die den Titel trägt: "Chain of fools in love in chains" ("Kette verliebter Narren in Ketten"). In dieser Performance kettet sie sich an das Gebäude, während sie mit Handschellen mit Rachel verbunden ist. Sie entgeht ihrer Verhaftung, die zu ihrer Abschiebung geführt hätte, nur knapp.


1998 Christiane erhält ihre Green Card. Sie und Rachel fliegen nach Hamburg, um Christianes Vater zu besuchen, der mit dem Lungenkrebs kämpft. Während ihres Aufenthalts in Deutschland fahren sie auch nach Berlin, was für Rachel von ganz besonderem Interesse ist. Sie treten mit dem Programmdirektor der Jüdischen Kulturtage in Kontakt, der Interesse an der Arbeit "Fuck you (aber gerne)" bekundet hat.
1999 Christiane und Rachel leben und arbeiten weiterhin zusammen. Christiane findet in einem großen Buchladen in Manhattan Arbeit. Sie ziehen nach Williamsburg (ein Stadtteil von Brooklyn, New York), wo sie sich die Miete für einen Loft leisten können, den sie auch als Raum für Performances verwenden. Sie veranstalten einen wöchentlichen "Salon" mit Performances von Überraschungsgästen. Sie befinden sich mitten in der explodierenden Kunstszene von Williamsburg. In dieser Periode produzieren sie die Performance "Your number's up" (Deine Nummer ist dran): Dabei bekommt eine Freiwillige/ein Freiwilliger auf den Arm eine Identifikationsnummer eintätowiert, während sie/er einen Lampenschirm auf dem Kopf trägt. Ihre Performance wird in der New York Times als Beispiel für Kunst angeführt, die sich an der Grenze des guten Geschmacks bewegt. Auf diese Weise werden sie als die "bösen (Kunst-)Mädchen" bekannt.


2000 Christiane und Rachel werden im Rahmen der Jüdischen Kulturtage eingeladen, im Berliner Hebbel-Theater ihre Performance über die deutsch-jüdischen Beziehungen aufzuführen. Das Presseecho ist eher gemischt, aber es verschafft ihnen eine Art Kultstatus. Sie müssen ihren Besuch abbrechen, als sie erfahren, dass Christianes Vater im Sterben liegt. Christiane bleibt nach dem Tod ihres Vaters für drei Monate in Hamburg. In dieser Zeit entwickelt sie die verschiedene Disziplinen verbindende Performance "Death Portfolio" (Todesmappe) für drei Tänzer auf Stelzen. Außerdem trifft sie ihre Schwester Sabine wieder. Die Schwestern bleiben danach in Kontakt, vor allem wegen des zerbrechlichen Gemütszustandes der Mutter.


2001 Bei Gary Wayout, dem künstlerischen Mitstreiter und engen persönlichen Freund, ist inzwischen die AIDS-Krankheit vollständig ausgebrochen, und er spricht nicht gut auf die neuen Medikamente für Patienten mit HIV/AIDS an. Er verliert seinen Job, und deshalb auch seine Wohnung, und zieht bei Christiane und Rachel ein. Nach sechs Monaten Krankheit stirbt Gary. Christiane stürzt in eine Periode intensiver Trauer. Sie kündigt ihren Job in dem Buchladen und bekommt die Gelegenheit, als Teil eines Künstlerprogrammes vier Wochen in dem abgelegenen Farmhaus eines Freundes in Vermont zu verbringen. Während dieser Zeit beendet sie "Death Portfolio" (Todesmappe) und beginnt wieder zu zeichnen. Weil sie sich emotional zurückzieht, wird ihre Beziehung zu Rachel belastet.


2002 Christiane bekommt ein größeres Stipendium verliehen, das ihr erlaubt, sich ganz auf die Kunst zu konzentrieren, ohne dazu noch arbeiten zu müssen. "Death Portfolio" (Todesmappe) wird im PS 122 uraufgeführt. Die Performance ist ein Erfolg und wird verlängert, nachdem alle Vorstellungen ausverkauft waren. Die Beziehung zu Rachel befindet sich in Auflösung, zum Teil auf Grund von Christianes Erfolg, zum Teil wegen Rachels immer mehr zunehmenden Alkoholkonsums. Im September 2002 zieht Christiane aus dem Loft aus. In der Folge muss auch Rachel bald den Loft verlassen, da sie mit der Miete in Rückstand gerät.


2003 Christiane unterschreibt einen Vertrag mit der Galerie Saturday und stellt in deren neuen Räumlichkeiten in Chelsea großformatige Zeichnungen verwelkender Blätter aus. Die Ausstellung wird im Artforum positiv besprochen. Sie verkauft 90% ihrer Arbeiten. Ihre Mutter und Schwester kommen zur Eröffnung nach New York.


2004-2005 Christiane zeichnet weiter. Ihre Zeichnungen verkaufen sich ausgezeichnet. Als ihre Zeichnungen als Hintergrund für ein Fotoshooting in W, einem exklusiven Modemagazin, verwendet werden, wird sie offen dafür kritisiert. Die Kritik lautet, dass sie sich als Künstlerin verkauft und dass sie ihren Biss verloren habe. Der Loft wird zum Verkauf ausgeschrieben und Christiane kauft ihn.


2006 Obwohl der Versuch scheitert, die Beziehung mit Rachel wieder aufleben zu lassen, stellt Christiane fest, dass die künstlerische Chemie zwischen ihnen unersetzbar ist. Sie konzipieren zusammen einen Film, der im Augenblick vor Ort in Williamsburg und Hamburg gedreht wird.

 

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