Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 016

Biografie 016

Text: Helge–Björn Meyer
Kostüm:
Claudia Stuhlmüller
Maske: Ilka Renken
Foto: Sabine Veerkamp







Biografie 016


Biografie Christiane Fichtner

Ich werde am 25. Mai im Jahre 1974 in Sao Paulo geboren.
Meine Vorfahren stammen aus Deutschland und wanderten in den Zwanzigerjahren nach Brasilien aus.
Im Alter von drei Jahren beginne ich mit der Tanzausbildung an der renommierten Ballettschule des Teatro Municipal in Sao Paulo.
Mit 12 Jahren schließe ich das Studium mit Bestnote ab.
Ich ziehe nach Paris, um an der Sorbonne-Universität ein Studium der Philosophie bei Umberto Eco aufzunehmen.
Ich beschäftige mich mit alter und neuer Philosophiegeschichte, mit Hermeneutik, mit Ethik und mit Logik.
Bereits nach zwei Semestern erhalte ich mein Philosophie-Diplom.
1988 nehme ich ein Sabbatjahr.
Ich reise nach Israel, um mich dort in einem Kibbuz über Ackerbau und Viehzucht zu informieren.
Innerhalb von sechs Monaten weiß ich bereits alles über Ackerbau und Viehzucht.
Ich bereise im Anschluss den gesamten Vorderen Orient.
Die restliche Zeit bis zum Jahreswechsel 1988/89 verbringe ich in Katmandu, wo ich Gedichte schreibe.
Im Mai 1990 erscheint mein erster Gedichtband.
Ich widme ihn Umberto Eco und meiner Mutter.
Im Herbst 1990 wird mein Buch zum internationalen Bestseller.
Ich bin nun reich und in vielen TV-Talkshows zu Gast.
Am 13. Dezember 1991 ziehe ich nach Tokio.
Im Februar 1993 habe ich eine Schreibblockade.
Im April 1995 experimentiere ich mit Drogen herum.
Ich werde mit einer Überdosis in eine Klinik eingeliefert, wo ich dann fast ein ganzes Jahr lang bleibe.
Da ich Geld habe, ziehe ich im September 1997 nach Mailand, um eine berühmte Modedesignerin zu werden.
Ich gründe mein eigenes Label.
Ich habe damit großen wirtschaftlichen Erfolg.
Nach einem Jahr verkaufe ich die Firma an die Prada-Gruppe.
1999 umsegle ich die Welt.
2000 bis 2002 helfe ich beim Wiederaufbau im Kosovo.
Anfang 2003 ziehe ich nach Istanbul.
Ende 2004 gastiere ich mit einer weiblichen Derwisch-Formation in Berlin.
Ich beschließe, in Berlin zu bleiben.
Anfang 2007 entscheide ich mich für eine bürgerliche Existenz.
Ich gründe eine Familie, gebäre zwei wunderschöne Kinder und arbeite als Sozialarbeiterin in einem Kreuzberger Jugendzentrum.
Im Oktober 2007 beschließe ich aus Langeweile, lesbisch zu sein. Ich trenne mich von meinem Freund, ziehe nach Amsterdam und verbringe die meiste Zeit auf Partys.
Im Dezember 2007 habe ich eine Nacht lang Sex mit Jodie Foster, die mir daraufhin rät, Schauspielerin zu werden.
Anfang 2008 erhalte ich auf Jodies Vermittlung hin das Angebot, die Hauptrolle in einem Hollywood-Film zu spielen.
Ich nehme an und ziehe nach L.A.
Im Januar 2009 werde ich gleich für drei Oskars nominiert.
Im März 2010 kommt mein neuer Film die Kinos.
Er floppt.
Im Mai 2010 räumt meine damalige Freundin und Managerin mein Konto leer.
Ich bin pleite.
Ich bekomme Depressionen.
Ich beginne hemmungslos zu saufen.
Im September 2010 trampe ich nach New York.
Mein Alkohol- und Drogenproblem habe ich nicht im Griff.
Im Dezember 2010 lasse ich das mit der Homosexualität sein.
Ich suche mir einen Freund.
Am 21. Dezember 2010 beginne ich als Türsteherin in einem Techno-Laden.
Ich saufe immer mehr und nehme massiv harte Drogen.
Am 24. Dezember 2011 werde ich nach einer Schlägerei mit weiblichen Gästen entlassen.
Ich gehe nach Hause und beschimpfe meinen Freund als Schlappschwanz, der mich daraufhin verlässt.
Am 25. März 2011 fliege ich aus meiner Wohnung raus.
Ich lebe fortan für fast zwei Jahre auf der Straße.
Am 7. August 2013 beschließe ich, mein Leben nun zu ändern.
Am 1. September 2013 gehe ich zum ersten Mal zu den Anonymen Alkoholikern.
Ich finde kurze Zeit später einen Hilfsjob in einem Supermarkt.
Ich ziehe in ein Frauenhaus.
Am 13. Oktober 2013 bekomme ich einen Rückfall und beginne erneut, hemmungslos zu saufen.
Zum Jahreswechsel 2013/2014 fühle ich mich total einsam.
Ich überlege, mir das Leben zu nehmen.
Am 1. Februar 2014, um 20.12 Uhr, lege ich mich auf die Couch und beschließe zu sterben.
Am 4. Februar 2014, um 9.43 Uhr, höre ich mit der Nahrungsaufnahme auf.
Am 8. Februar 2014, gegen 23 Uhr, wird mein Puls schwächer.
Am 9. Februar 2014, irgendwann am Morgen, hört mein Herz auf zu schlagen.
Ich bin tot.

 

¬ 001 ¬ 002 ¬ 003 ¬ 004 ¬ 005 ¬ 006 ¬ 007 ¬ 008 ¬ 009 ¬ 010 ¬ 011 ¬ 012 ¬ 013 ¬ 014 ¬ 015 ¬ 016 ¬ 017 ¬ 018 ¬ 019 ¬ 020 ¬ 021 ¬ 022 ¬ 023 ¬ 024 ¬ 025 ¬ 026 ¬ 027 ¬ 028 ¬ 029 ¬ 030 ¬ 031 ¬ 032 ¬ 033 ¬ 034 ¬ 035 ¬ 036 ¬ 037 ¬ 038 ¬ 039 ¬ 040

Zurück zur Startseite

Biografie

nach oben