Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 019

Biografie 019

Text: Natascha Muler
Kostüm:
Belén Montoliú
Maske: Katja Weinhold
Foto: Stephan Fallucchi







Biografie 019


Biografie Christiane Fichtner

Wie bin ich Künstlerin geworden?

Eine schwere Frage. Bin ich es geworden? Oder schon immer gewesen, bloß nicht gewusst? Bin ich Künstlerin? Manchmal denke ich, ich bringe einfach heraus, was in mir gereift ist. Und wenn der Rest der Welt das als Kunst bezeichnen vermag, soll es auch so sein. Bin überhaupt ich diejenige, die schafft, oder schaffen die Ideen, Farben, Formen durch mich den Weg heraus, um Gestalt anzunehmen, um Teil der objektiv wahrnehmbaren Realität zu werden? Und letztlich, die Frage nach dem „Wie“? Ist man Künstler schon im Mutterschoß, und lebt man das schicksalhaft und leidenschaftlich aus, schafft aus einer Unmöglichkeit, nicht zu schaffen? Oder kann man es durch Übung und Geduld erlernen? Entdecke ich Künstler in mir durch ein Ereignis – ein Leiden, ein Glück? Wenn ich zurückschaue, denke ich, es war von allem etwas, aber niemals eindeutig oder einfach.


Die Kunst war immer Teil meines Lebens. Ach, wie bewunderte ich sie alle – Musiker, Dichter, Fotografen, Maler. Sie waren für mich die Priester im heiligen Tempel, gesegnete und verfluchte Wesen, die Zugang zu anderen Welten haben, die Sklaven eigener Genialität sind und höchste Freiheit genießen. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen zu wagen, nur daran zu denken, eine Künstlerin werden zu wollen. Schon die bloße Existenz eines Michelangelo hätte mich an der Frechheit gehindert, einen Meißel in die Hand zu nehmen.


Außerdem verstand ich mich als jemand von der anderen Seite der Leinwand, als Objekt der Kunst. Bewundernder Blick eines Ästheten war nicht selten Anfang einer Zusammenarbeit, einer Freundschaft, einer Liebesgeschichte. Meine große Jugendliebe kam einmal glücklich und aufgeregt mit einem Bilderband über Rodins Schaffen, worüber er gerade ein Referat schrieb. Er zeigte mir die große schwarzweiße Abbildung von Rodins „Danaide“ und erklärte mit strahlenden Augen: „Das bist du. Das ist dein Ohr, deine Hüfte.“
Ich schenkte gerne meine Zeit und Freundschaft diesen netten Verrückten und bekam die leidenschaftlichen Gedichte und Lieder. Stand Modell und man schenkte mir nachher schöne Bilder oder Fotos. Ich wurde nicht eitel, nur glücklich, dabei zu sein.


Was kam und alles veränderte, scheint mir ziemlich banal, fast lächerlich. Mein damaliger Freund war nicht nur Künstler, sondern auch ein sehr naturbewusster Typ. Die Natürlichkeit war die oberste Maxime. Sein Kopf und (sein Schaffen) seine Werke waren voll davon. Nach den mehrmonatigen Diskussionen über die Unnatürlichkeit (sprich die größte Sünde) der Pille, von der er meinte, meine Uni-Freundinnen würden auf die Barrikaden gehen, sollte man die verbieten, gab ich auf. Ich wollte keine widerliche Pille schluckende Frau sein. Ich ließ mich auch vollends über die fatalen Folgen der Pille auf den Frauenorganismus aufklären. Außerdem war ich gerade mittendrin in meinem vernünftigen Jurastudium, so dass freie naturgebundene Ansichten eines Künstlers, noch dazu meines Freundes, doch sehr ansteckend waren. Also, ich setzte die Pille ab. Bald danach auch den Freund. Ich war doch zu zivilisiert.


Die Entscheidung war vernünftig und gut, tat aber trotzdem weh (war auch natürlich, oder?). Aber es war nicht nur Herzensschmerz, was kam, sondern ich begann die Farben ganz intensiv zu sehen. (Sollen die Ärzte doch ihr Recht behalten, dass die Pille sich auf die Empfindungen der Frau dramatisch auswirken könnte.) Wie soll ich das erklären? Beim ersten Mal, als es mir bewusst wurde, war ich beim Abspülen. Da dachte ich plötzlich, dass ich dieses Spülmittel – obwohl schon immer sehr orange – noch nie so orange gesehen hätte. Ich fragte meine Mitbewohnerin. Sie meinte, es wäre nicht orangener als sonst. Für mich aber schon. Ich dachte tagelang darüber nach: Es war einfach ein unglaubliches Orange... Eine Farbe, wie man sie im Traum sieht... Eine lebendige Struktur voller Nuancen und Bewegung. Und mit Orange hörte es nicht auf. Die nächste Farbe war Grün. Ein Grün, was ich zwar sehr mochte, aber niemals als etwas so Intimes, Aufregendes empfunden hatte, bekam plötzlich solche Intensität, dass ich mich einfach überwältigt fühlte, wie verschieden Grün sein kann. Ich konnte Stunden im Wald verbringen. Einfach von einem Baum zum anderen gehen, von einem Strauch zum anderen. Tausende Grüns, jedes einzelne wie ein Pfeil in mein Herz. Und so zeigten sich alle Farben, eine nach der anderen, jeden Tag. Ich wusste nicht, wie blau die Augen sein können, wie braun die Erde, wie schwarz die Nacht. Und da, berauscht von meinen Entdeckungen, lernte ich mein erstes Künstlerproblem kennen: Keiner verstand mich. Irgendwann wurde es auch peinlich, darüber zu erzählen. Aber die Farben lebten in mir weiter, erzählten ihre Geschichten, zeigten sich in neuen Tiefen, blitzten mit ersten Sonnenstrahlen auf, wurden verführerisch und schwer in der Dämmerung. Da gab ich wieder auf. Es gab gerade bei Lidl ein Maler-Set im Angebot, und ich kaufte es: Farben, Pinsel, Leinwand, Staffelei. Ohne Ambitionen, nur mit Hoffnung, auf dem Papier das hinzubekommen, was meine Augen sahen. So fing es an: erste Versuche, erste Kritiken, erste gute Kritiken, erstes verkauftes Bild, erste Ausstellung. „Die farbenfreudigste Künstlerin Deutschlands“ stand im letzten Artikel. Nun, mein Leben ist wirklich voller Farben.


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