Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 021

Biografie 021

Text: Ésèpe (Jean-Louis Vidière)
Maske: Ilka Renken
Foto: Elisa Meyer

 


Biografie 021


Biografie Christiane Fichtner

Am 4. Mai 2007 begegnete ich ihr zum ersten Mal in der Stuttgarter Galerie Oberwelt. Unter dem Namen Christiane Fichtner eröffnete sie eine Ausstellung von fotografischen Selbstporträts. Ihre kleine Brille wirkte wie eines der Accessoires, die sie in den vielen verschiedenen Selbstporträts trug. In diesen Bildern hatte sie unterschiedliche Identitäten angenommen, von ebenso vielseitigen, frei erfundenen, eigenen Biografien inspiriert. Welche Christiane Fichtner hatte ich vor mir? Den ganzen Abend sprachen wir über eine Kunst, die erst durch das Beifügen einer Erzählung vollständig wird: von Kunstwerken, die nicht in sich ruhen, sondern sich in einer Gedankenwelt bewegen, wo sie die unwahrscheinlichen und doch real gewordenen Fragmente einer unbekannten Mythologie, eines lückenhaften, vielleicht einmal gelebten Theaterstückes geworden sind. Christiane war letztlich nicht viel realer als ich. Es gefiel mir.


Ich traf sie wieder am 25. Mai 2014. Ein Zufall. In einem Café am Zürcher See feierte sie ihren vierzigsten Geburtstag mit Freundinnen. Es war vielleicht ein Dutzend Frauen gleichen Alters und sogar sehr ähnlicher Physiognomie. Sie lachten laut, als sie mein Gesicht sahen, nachdem sie sich alle als Christiane Fichtner vorgestellt hatten. Christiane hatte sich verändert. Von einem Augenblick zu dem nächsten konnte sie vom jubilierenden Rausch zu einer kalten Distanz wechseln. „Eine ernste Sache ist es aber, Ésèpe: Die vielen Facetten der Christiane Fichtner werden jetzt nur noch realer." Ein Student drehte die Feier mit: Der Dokumentarfilm solle diese Verschmelzung von Kunst und Leben einem Publikum zugänglich machen. Der Film wurde meines Wissens nie realisiert.


Wenige Wochen später erreichte mich eine Nachricht, die bald die Kunstwelt und gar die allgemeine Öffentlichkeit erschütterte: Vierzehn Künstlerinnen hatten in der Nacht vom 5. Juli 2014 in der Züricher Galerie M. kollektiven Selbstmord begangen. Ich war niedergeschmettert. Besonders erschreckend war die Tatsache, dass vierzehn verschiedene Methoden des Selbstmords, wie nach einem systematischen Plan, verwendet worden waren. Die Tageszeitungen suchten entsetzt und vergeblich nach der grausamen Sekte, die dahinter stecken musste. Die Kunstmagazine drückten ihre Ratlosigkeit in einem Überfluss an theoretischen oder provokanten Aufsätzen aus. Es faszinierte und schockierte zugleich, feststellen zu müssen, wie weit das Spiel mit der Identität letztendlich gegangen war.


Christiane aber hatte überlebt. Niemand wusste es. Sie schrieb mich an. Der rührende Brief einer verzweifelten, sich unter einem neuen Namen versteckenden Frau war ein eindringlicher Hilferuf. Ich besuchte sie in Sortino, im Hinterland von Syrakus, in Sizilien, wohin sie sich zurückgezogen hatte. In wenigen Wochen war sie um viele Jahre gealtert. Sie sprach langsam. Sie hatte aber endlich die Malerei für sich entdeckt. Zwei Monate verbrachte ich mit ihr in diesem sonnigen Refugium. Pausenlos malten wir Landschaften, nannten uns die zwei kleinen Cézannes. Keine Porträts. Nur Licht, Schatten, heiße Felsen, schillernde Ölbäume. „Christiane ist tot. Nenn mich Helena; den Namen wollte ich als Kind immer haben." Der Vorname passte gut zu ihr. Langsam trank sie wieder aus der eigenen Quelle ihres Lebens.


Helena ist gestern gestorben. Oder vorgestern? Wie viele Gedächtnisse werden ihre Spur bewahren? Wie spät ist es? Seit 2800 Jahren kommt mir gelegentlich das Zeitgefühl abhanden. Eins weiß ich: Sie war eins, das Kind Helena.

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