Christiane Fichtner

Foto Christiane Fichtner 024

Biografie 024

Text: Elisabeth Dobringer
Ausstattung und Foto: Tobias Kreft


Biografie 024


1974 Bettina T. wird als zweite Tochter von Rosie und Leo T. in Bremen
geboren. Zwei Jahre später bekommen die Eltern eine weitere Tochter.
Als mittleres von drei Mädchen erfährt Bettina von ihren Eltern wenig
Beachtung.

1977-1980 Als ihre ältere Schwester schon zur Schule geht und ihre
jüngere Schwester noch zu Hause bei der Mutter ist, vergisst diese häufig
Bettina vom Kindergarten abzuholen. Einmal bemerken das auch die
Kindergärtnerinnen nicht. Bettina übernachtet alleine im Kindergarten.
Sie legt sich auf das Puppensofa. Die Puppen schauen sie mit großen
Augen an und sie fühlt sich geborgen.

1980-1984 Bettina muss zweimal die Grundschule wechseln, weil sie
von ihren Lehrern immer wieder beim Lügen erwischt wird. Sie macht falsche
Angaben zu ihren Eltern, ihrer Adresse, erzählt von Ländern, in denen
sie angeblich schon gelebt hat.

Mit 16 Jahren zieht Bettina T. von zu Hause aus. Sie beginnt ihr
Aussehen unmerklich zu verändern. Eines Morgens erscheint Bettina
nicht zum Unterricht. Am selben Tag meldet sich eine neue Schülerin in
der Schule an. Sie heißt Tina Anna Buchner und kommt in Bettinas
Klasse. Sie darf auf Bettinas Platz sitzen, weil kein anderer Platz frei ist.
Nach wenigen Wochen erinnert sich niemand mehr an Bettina T.

1993-1996 Tina Anna Buchner immatrikuliert sich an der Universität im
Fach Theaterwissenschaft, möchte aber eigentlich Schauspielerin werden.
Sie spielt auf Laienbühnen und geht zu zahlreichen Castings. Eines Tages
gelingt es ihr mit blonder Perücke und Minirock eine Hauptrolle in einer
Daily Soap zu ergattern. Sie wird als Anne Christine Birkner eine
bekannte Soap Darstellerin. Eines Morgens verspätet sie sich am Set
und sieht, dass ihre Kollegin ihre Perücke aufgesetzt hat und in ihre
Rolle geschlüpft ist. Unbemerkt schleicht sie sich davon und überlässt
der Kollegin Perücke und Namen.

1996-2000 Sie nennt sich nun Christiane Fichtner und wechselt hinter
die Kamera. Sie beginnt Porträts zu fotografieren und verdient mehrere
Jahre lang damit gutes Geld. Fremde Menschen zu fotografieren langweilt
sie jedoch. Viel lieber fotografiert sie sich selbst. Da mit Selbstporträts
als Fotografin kein Geld zu verdienen ist, beschließt sie Künstlerin zu
werden.

2000-2008 Um nicht in den Ruf einer Narzisstin zu geraten, verkleidet
sie sich für jedes Selbstporträt bis zur Unkenntlichkeit und erfindet für die
porträtierten Gestalten Biographien. Ihre Porträtserien werden berühmt.
Sie wird zu zahlreichen Ausstellungen eingeladen. Die Feuilletons
überschlagen sich im Lob über ihre Porträts und die Spannbreite der von
ihr porträtierten Personen.

2009 Christiane Fichtner stellt ihre Werke in der Black Box der
Theaterwissenschaft in München aus. Raffiniert ausgeleuchtet zeigen
die Porträts völlig neue bzw. alte Gesichtszüge. Auf der Vernissage
erkennt eine Betrachterin in einem Porträt ihre einstige Mitschülerin
Bettina T., die sie bis zu diesem Tag völlig vergessen hatte. Sie hört,
dass die Künstlerin anwesend ist und möchte sie kennen lernen um zu
erfahren, was aus Bettina geworden ist. Die Kuratorin der Ausstellung
sucht die Künstlerin, doch Christiane Fichtner ist nirgends zu finden.

 

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