Christiane Fichtner

Arbeitshaltung ¬ Christiane Fichtner

 

Christiane Fichtner „Biografie“ ¬ Text von Michael Schultze, Berlin 2007

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Eine Biographie, als protokollierende Aufzählung eines gelebten Lebens, ist die perfekte bürokratische Form, dampft sie doch das Leben ein auf die für die Sozialität notwendigen Stationen. Die Biografie, als CV immanenter Bestandteil unserer aller Leben, ist somit sowohl perfekte Liste als auch der Roman der Auslassungen jenes Lebens, das in ihr eine Form findet.
Christiane Fichtners kollaboratives Projekt „Biografie“ verrätselt und untersucht diesen Tragpfeiler der zeitgenössischen Gesellschaften (keine Bürokratie, keine Arbeitswelt, kein künstlerischer Erfolg ist denkbar ohne diese kurzen Zeilen auf einem DIN A4 Blatt...), in einem Verfahren, das selbst mit der Problematik der Identität und der Zuschreibung derselben spielt: Sie kollaboriert mit Spezialisten der Identitätsherstellung: Ein Zitat aus ihrer eigenen Beschreibung macht das deutlich: „ Ein Autor erfindet eine Biografie. Der Kostümbildner erhält den Text und entwirft Kleidung für die beschriebene Person. Der Maskenbildner unterstützt die Arbeit mit der Modellierung der Charakterzüge. Text, Kostüm und Maske sind die Basis für das Portrait, das der Fotograf am Ort seiner Vorstellung inszeniert. 60 Personen haben an diesem Projekt bisher mitgearbeitet.“.
So stellen sich – in bester konzeptioneller Tradition – nicht nur die (viel gestellten) Fragen nach der Identität, die man vielleicht besser formuliert als die Fragen nach den Möglichkeitsformen eines Lebens in den geregelten spätkapitalistischen Gesellschaften, sondern auch die Problematik des Autors (inklusive seiner eigenen Biografie) wird listig ausgestellt.

Diese fiktiven Biographien – präsentiert als auf annähernd Lebensgröße aufgeblasene Fotografien mit korrespondierenden Texttafeln – zeigen alle die Künstlerin, sie sind Fiktionen eines kollaborierenden Teams, das eigens für diese Biographie zusammengestellt wurde. Wie bei der Produktion eines Films entwerfen die verteilten Rollen der Produzenten (Autor, Fotograf, Maskenbildner etc.) ein gereinigtes und perfektioniertes Bild einer jungen Frau mit einer Geschichte, die so hätte stattfinden können, jedoch niemals stattgefunden hat. Da alle Lebensläufe selbst erzählte Fiktionen sind, mit nachweisbaren Eckpunkten in Institutionen wie Schule, Ausbildung und Arbeitsstätten, blicken wir in die Tableaus eines vielfältig gebrochenen und zersplitterten Spiegels, in dem jeder einzelne biographische Moment ein Körnchen Wahrheit enthalten könnte (doch was heißt schon Wahrheit in Bezug auf alle diese erzählten und aufgelisteten Biographien). Viele mögliche Leben, viele mögliche Niederschriften des Gewordenseins. Jedes Bild die Variable eines Möglichen. Dieser Spiegel spiegelt alles Erdenkliche – nur eines nicht: das eigentliche Leben der Künstlerin. Dieses Projekt Christiane Fichtners, das sich kritisch mit Identitätsbildung und ihrer Formatierung auseinandersetzt, hört (nämlich) keinesfalls bei den ausgestellten Ergebnissen ihrer kollaborativen Tätigkeit auf. Das Spiel der Masken wird auch ausgedehnt auf die entscheidende wertschöpfende Maßnahme des Kunstbetriebs: die Künstlerbiographie und ihre Bewertung. Hinter dem Deckmantel der fiktive Biographien erzeugenden Künstlerin fiktionalisiert sie (ganz in der Tradition einer reflexiven Moderne Marcel Duchamps und der Konzeptkunst stehend) ihre eigene Biographie. Der künstlerische Werdegang wird dem gleichen Spiel mit Möglichkeitsfeldern unterworfen wie die anderen Arbeiten der Künstlerin, ein mutiger Akt der Überprüfung einer künstlerischen Praxis an der Realität. Eine raffinierte letzte Volte, ein Spiel das auch hier nicht so ganz klar ist: Vielleicht zeigt uns die Künstlerin, mit dem finalen Aufziehen des Vorhangs der Verstellungen (nun sich selbst vertretend), als letzten verschmitzten Dreh doch ihre eigene Geschichte als wirklich geschehene?

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