Christiane Fichtner

Biografie 008


Biografie Christiane Fichtner


Wir saßen nachts des Öfteren im dunklen Treppenflur ihres Elternhauses. I Shot the Sheriff, abgespielt von verkratztem Vinyl, lag in der Luft. Das Dorf draußen machte große Ohren. Sie war aus dem Dorf; sie litt darunter. Und weil sie es tat, litt ich mit. Hörte mir ihre Geschichten an. Fragte nicht danach, ob sie stimmten. Fragte mich nicht danach. Ich trank ihre Worte wie wir unseren Campari, ohne Orangensaft und Eis. Unsere Blicke sanken tiefer ineinander, unsere Hände entdeckten sich dringender. Sie sprach nie davon, Künstlerin sein zu wollen. Was sie trieb und umtrieb, war die Schuld auf ihren Schultern. Schuld, ihre Mutter nicht gerettet zu haben, als die wieder einen Asthmaanfall erlitten hatte. Der ihr letzter gewesen sein sollte. (Sie hatte zugesehen und ihre Schwester angesehen, anstatt sofort den Rettungswagen zu holen.) Die Mutter war mit 46 Jahren gestorben. Seitdem kam sie nicht mehr zur Schule. Obwohl sie gut war. Wenn sie wollte. Das entschied sie. La taciturne, sagte der Lehrer zu ihr – die Schweigsame.

Geboren 1974, aufgeklärte Zeiten, möchte man meinen. Aber das Dorf war wie Spießrutenlaufen für sie. Der Vater, ein braver Handwerker, an der Universität angestellt, schämte sich. Was für eine Tochter, wie sie da immer in schwarzen Wallegewändern durch die Straßen lief! War man nicht eine ehrenwerte Familie? – Ihr Reich lag unterm Dach; der Vater bewohnte das Erdgeschoss. Mit der Mutter hatte man sprechen können über alles. Sie hatte studieren wollen und nie gekonnt. Nun war sie nicht mehr da.

Sie igelte sich ein. Etwas Unbedingtes wuchs in ihr heran, während das Dorf auf weitere Zeichen wartete, Zeichen des Ungehorsams, Zeichen, dass es Recht hatte mit seinen Vorurteilen. Zu Geburtstagen im Dorf, eingeladen von Klassenkameraden, kam auch sie. War immer die andere und anders. (Ach ja, ich war ja auch dabei. Fand sie spinnert, damals.) Irgendwann fing sie an, für Jamaika zu schwärmen. Ganja rauchen, Rasta-Chants, Reisen nach Kingston. Verehrer legte sie sich zu und verschliss sie. In ihrer Wohnung Schwaden von Hasch, Selbstgedrehten, Räucherstäbchen. Heilkräuter, das war ihre Manie. Sie studierte Biogeografie. Ihre Aufenthalte auf Jamaika wurden länger. Die Kontakte zu Hause rissen ab. Sie fühlte sich verraten von vielen. Es ist alles so lachhaft, sagte sie einmal bitter in einem Anfall von umfassender Mut-losigkeit, und ihr Mund wurde dabei noch schmaler. Ich gab ihr in allem Recht. Ihre kleine Firma (heute würde man sagen: Start-up), mit einer Freundin zusammen aufgezogen, ging pleite: Gutachten zur Landschaftsplanung. Feldforschung, Gummistiefel, Botanisiertrommel, Laptop. Dass sie so etwas benutzte! Auf der Festplatte stand allerdings nichts davon, dass sie, einmal vor ihrem Dorf flüchtend, in einem anderen schlimmeren gelandet war. Auf der Suche nach Ruhe, um ein Buch zu schreiben! Allen Ernstes hielten sie sie dort für eine Wunderheilerin, einen Engel. Ihre Ankunft kam einer endlich erfüllten Heilserwartung gleich! Man nahm sie mit zu Kranken und Versehrten. Bitte, tu was! Bloß, ihr war nicht klar, was man von ihr wollte. Und als die Lahmen nicht wieder laufen konnten und die Blinden nicht wieder sehen, drehte sich der Wind gegen sie. Ein Außenseiter aus dem Dorf flüsterte ihr das Malheur ins Ohr: Wenn du nicht sofort abhaust, kriegen sie dich. Er zeigte ihr einen geheimen Ort, an dem die Dörfler tatsächlich eine Art Altar errichtet hatten für die Fremde, der sie nie Gelegenheit gegeben hatten, sich zu erklären. Schockiert suchte sie das Weite, und wenig später loderte in der Tat schon der Altar, zum Scheiterhaufen bereitet, auf dem kein Engel mehr, sondern eine Hexe ihr Leben hätte aushauchen sollen. So dachten sie sich das. Sagte sie. (Ich glaubte es.) Genau so wenig stand eingraviert auf der Festplatte, sondern nur in den Wind geflüstert (und aufgesogen von mir) ein paar Meter über dem Boden, auf dem Hochsitz, auf dem wir uns zurückgezogen hatten nach unseren Spaziergängen, weg vom Dorf: Dass sie auch mal Kunst studiert hatte vor der Biogeografie. Als ich sie damals besuchte in ihrer Kammer unterm Dach (4, rue de l'Armorique, Paris 15e) – einer Dienstmädchenherberge –, wo sie auf dem Gaskocher abwechselnd Tütensuppen und Nescafé fabrizierte, da wusste ich nichts von ihrem Abstecher an die Académie des Beaux Arts. Erst später, als ich, sentimental und neugierig, die renommierte Kunstakademie in Saint-Germain-des-Prés aufsuchte, wurde mir klar, warum sie abgebrochen hatte: zu akademisch das Ganze. Oder hatten sie sie einfach rausgeschmissen? Auf dem Hochsitz erzählte sie, wie das war, als sie, fiebernd und fröstelnd, ihre Mappe abzugeben hatte für die Aufnahmeprüfung. Paris war hart so ganz allein. Aber so wollte sie es ja. Denn Kunst konnte es nur sein um den Preis des Alleinseins. Das las ich in ihren Augen. (Stand es wirklich drin?)

Irgendwann "ging unser gemeinsamer Weg zu Ende", wie sie sich ausdrückte. Ich habe vergeblich versucht herauszufinden, was aus ihr geworden ist. Alles, was ich weiß, ist: Sie fuhr noch einmal nach Jamaika, um dort einen Mann zu finden, welcher der Vater ihres Kindes werden sollte. Sie fand wohl karibische Gene passend für ihre nun herbeigesehnte Leibesfrucht. Ist sie eine alleinerziehende Mutter geworden, die – immer noch in ihrem Dorf – einer Künstlerkarriere hinterhertrauert? Ist sie nach Jamaika ausgewandert und betreibt unter Palmen eine Pension für Rucksacktouristen? Dabei müsste sie gar keine Pension führen, fällt mir gerade ein. Sie hatte nämlich – zusammen mit ihrer Schwester – eine große Summe geerbt. Von einem Onkel, den sie nie gesehen hatte. Aber der sich offenbar an sie erinnert hatte, bevor er starb, vergessen von der ganzen Familie. So, wie ihr Vater sie vergessen hatte. Vielleicht führt sie ganz einfach ein mittelmäßiges Leben von den Zinsen dieser Erbschaft. Sie ist jetzt 31. Das meiste ist pragmatisch im Leben. Das hat sie sicher mittlerweile auch eingesehen.

 

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Foto Christiane Fichtner 008

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Text: Alexander Musik
Kostüm:
Isabel Kurscheid
Maske:
Renate Jochim
Foto:
Birgit Wingrat